Molekularfamilie

Über die Normen hinaus glückend.

Vom Schlemmen und Zaubern

Ich mag Essen. Sehr.

Praktischerweise koche ich auch gerne. Sogar gut. Dafür habe ich Zeugen.

Nur der Wunsch nach Abwechslung wird mir ab und an zum Verhängnis, und zwar gleich doppelt. Entweder laufe ich über den Markt und finde ein Obst oder Gemüse, das ich noch nie verarbeitet oder sogar noch nie gesehen habe. Dann muss ich es kaufen und zuhause nach Verarbeitungsoptionen suchen. Oder aber ich browse, auf der Suche nach tollen neuen Rezepten, in den weiten Sphären des Netzes, komme von hier nach da und schau noch mal bei meinem Lieblingskochblog vorbei oder schlage in einem unserer vielen Kochbücher nach, ob das eigentlich wirklich ein lokales/traditionelles Gericht ist, ob die Gewürze stimmen… Ihr versteht schon. Die Suche allein raubt schon Unmengen von Zeit, und dann fehlt immer noch irgendwas Besonderes für dieses eine Rezept. Dann muss man nochmal los, und so weiter.

Kochen ohne Suchen

Vor einer Weile stieß ich auf das Kochhaus, in dem Rezepte und die dazugehörigen Zutaten hübsch drapiert werden und darauf warten, für ordentlich Kohle erstanden und anschließend verarbeitet zu werden. Klasse. Ich muss gestehen, dass ich in diesem Laden eine leidenschaftliche Zuschauerin bin, zum Einkauf konnte ich mich jedoch nie entscheiden. Anders sieht es da aus bei einem Konzept aus Schweden, welches dort schon seit 2007, und mittlerweile auch in Deutschland existiert: Zutaten und Rezepte werden wöchentlich bis in die Küche geliefert. Eine Woche vorher erfährt man, was es in der kommenden Woche gibt. Die perfekte Mischung also aus Gemüsekiste, Überraschungsei und Lieferservice, nur für Kochfans.

Es gibt mittlerweile fünf Anbieter auf dem deutschen Markt, mit sehr ähnlichen Angeboten: Kochzauber, Unsere Schlemmertüte, HelloFresh, KochAbo und KommtEssen. Alle nutzen irgendwie frisch-fröhlich-gesund-bio-grüne Farben auf ihren Websites, hübsche Bilder von noch hübscheren Menschen und von ganz viel tollem Gemüse. Je nach Unternehmen kann man wählen, angefangen bei zwei Mahlzeiten für zwei Personen bis hin zu fünf Mahlzeiten für sechs Personen, teils rein vegetarisch, teils mit Fleisch und/oder Fisch. Einige Anbieter liefern auch noch eine Obsttüte dazu. Die Preise starten bei 10 Euro und können dann auch die 100 sprengen, je nach Anzahl der hungrigen Mäuler. Ob sich das Ganze für die Unternehmen lohnt, hängt an der Menge der Kund_innen, dass es preiswerter wäre, selbst einzukaufen, ist anzunehmen. Aber es geht hier ja nicht ums Geld-Sparen, sondern ums Zeit-Sparen, und Zeit kostet nun Mal Geld. Dass wir als Double-Ausbildungsfamilie nicht wirklich Zielgruppe sind, sondern wohl erst, wenn wir dann Double-Incomes sind, darf ich auch vermuten. Praktischerweise gibt’s bei Neulingen in der Branche aber immer mal Probierangebote, und so haben wir auch mal probiert, zumindest bei zwei der fünf Anbieter.

Zaubern mit wiederholbaren Rezepten

Durch einen ehemaligen Kollegen kam ich an Rabatte für Kochzauber, einer Seite von Project A, welche wiederum darauf spezialisiert ist, funktionierende Konzepte aus anderen Ländern auf den deutschen Markt zu bringen. Ein Teil der Mitarbeiter von Project A kommt von Rocket Internet, die das gleiche Konzept haben und schon so Seiten wie das mittlerweile verstorbene StudiVz oder auch Zalando aufbauten. Mein Gewissen ist hier also leise gedreht.

Drei Gerichte für zwei Personen bestellte ich dort im Mai, und dann nochmal im Juli, beides für kinderfreie Wochen, weil die Knirpse ja bereits im KiLa warm essen. Die Seite hatte beim ersten Test noch einige Bugs, und da ich professionelle Nörglerin bin, wies ich besagten ehemaligen Kollegen darauf hin. Beim zweiten Test waren diese dann verschwunden, dafür fand ich andere… Trotzdem war die Bestellung einfach. Die Box wurde dann auch überpünktlich (zwischen 17 und 22 Uhr soll geliefert werden, um 16:30 klingelte es an der Tür) am kommenden Mittwoch geliefert. Box eins enthielt Farfalle mit Spargelstiften und Speckwürfeln, Zucchini-Mozzarella-Taler mit Schmand-Dip, Reis mit Karotten-Kohlrabi-Hackfleisch und Box zwei bot Hähnchenbrust mit Melonen-Salsa, Ofenpfannkuchen mit Zucchini-Tomatensauce, gebratene Blumenkohlscheiben mit Auberginenpüree. Die Zutaten waren genau abgewogen, es blieb also nichts übrig, wenn man sich an die Mengenangaben der Rezepte hielt, allerdings waren die Portionen an sich großzügig bemessen. Die Texte der Rezepte waren klar verfasst und ohne Schwierigkeiten umzusetzen, die Zucchini-Mozzarella-Taler und das Möhren-Kohlrabi-Zeugs habe ich zu anderen Gelegenheiten auch schon wieder gemacht. Die anderen Rezepte wurden bis jetzt nicht wiederholt, was allerdings nicht daran liegt, dass sie nicht lecker waren, ganz im Gegenteil. Ich koche jedoch, wenn ich die Rezepte selbst wähle, meist ohne Fleisch.

Zum Abwechslungsreichtum kann ich bei zwei Bestellungen nicht viel sagen. Allerdings schaute ich grade kurz auf der Website vorbei und sah die Rezepte der letzten Woche – die Hähnchenbrust mit Melonen-Salsa und auch Zucchini-Puffer waren wohl wieder dabei. Auf ein paar Unstimmigkeiten möchte ich auch noch hinweisen: Die beworbene „Nachhaltigkeit“ bleibt unklar. Man will sich damit wohl auf die Lebensmittel beziehen, da ich bezweifle, dass der Lieferservice mit einem nachhaltigen Wagen, betankt mit nachhaltigem… Bezin(?) bis vor meine Haustür kam. Einige Produkte hatten dann auch ein Bio-Siegel, aber vor Allem beim Fleisch lies sich nicht erkennen, ob es aus artgerechter Haltung stammte. Ein großes Manko für mich. Auch die Aussage, man verzichte auf Lebensmittel, die gentechnisch verändert wurden oder synthetische Aromen enthalten, hört sich zwar gesund an, hat aber wenig Aussagekraft. Direkt gentechnisch veränderte Lebensmittel gibt es auf dem deutschen Markt sowieso nicht und zugefügte Aromen finden sich sich selten in Obst oder Gemüse, sondern in Fertigprodukten, die wir durch die Kochzauber-Box jedoch ohnehin vermeiden.

Positiv fiel mir die geringe Menge an Müll auf, die Pappbox sowie die Kühlakkus für die Milchprodukte lassen sich zurück geben und werden (hoffentlich) wieder verwendet.

Schlemmen und Überfluss

Die Schlemmertüte gehört zu einem der in Schweden bereits etablierten Unternehmen und beliefert hier die Städte Berlin, Köln, München und Hamburg. Bei meinem aktuellen Arbeitgeber gab es Gutscheine dafür, und so bestellte ich die Tüte einmal im Juli und einmal im August, diesmal allerdings mit verschiedenen Liefergrößen: einmal die vier-Personen-Version (gibt es mittlerweile nicht mehr) für eine Kinderwoche, und einmal die Zweieinhalb-Personen-Version (genannt „Pärchentüte“) für eine kinderfreie Woche.

Da ich mit den erworbenen Gutscheinen bereits alle Kosten beglichen hatte, war ich recht erstaunt, als ich die Bestellung auf der Schlemmertüte-Website nur mit Angabe meiner Bankdaten tätigen konnte. Das auch, obwohl es sich hier um eine einmalige Bestellung und kein Abo handelte. Über meinen Arbeitgeber lies ich diese Unnötigkeit anmerken, bei der zweiten Bestellung hatte sich daran jedoch nichts geändert. Ärgerlich. Ebenso wie die Tatsache, dass ich bei der zweiten Lieferung vom Lieferanten angeschnauzt wurde, weil dieser das Klingelschild nicht fand. Ich wohne seit drei Jahren in dieser Wohnung. Bis dato kam jeder/jede und alles bei mir an.

Nun aber zu den Rezepten und Lebensmitteln. Folgendes stand auf der Karte: Currygeschnetzeltes mit Banane, Ananas, Cashewnüssen und Basmatireis, Zweierlei Pizza mit Ananas und Gorgonzola & Tomate und Mozzarella, Leberkäse mit Rahmspinat, Spiegelei und Petersilienkartoffeln in der einen Woche und Pfirsich-Tomatengazpacho mit Biohühnchenfocaccia, Vegetarische Zucchini-Lauchlasagne, Gefüllte Lammbouletten mit Rahmgurke und Tomatencouscous in der anderen Woche. Auch hier waren die Vorschläge durchgehend lecker, für meinen Geschmack aber auch wieder zu fleischlastig. Die Rezepte an sich waren etwas umständlich – man hätte Einiges auch mit weniger Töpfen und Aufwand umsetzen können. Denn es ist zwar nett, wenn ich ein Abendessen in 30 Minuten zaubern kann, nervt aber, wenn ich danach eine halbe Stunde spülen muss. Dafür waren die Mengen ausgesprochen wohlwollend – anders als bei Kochzauber waren die Beilagen nicht genau abgewogen (z.B. 125 g Nudeln pro Person). Stattdessen wurde einfach eine ganze Packung Reis (500g) mitgeliefert, von der wir noch länger zehren konnten. Auch die Zutaten für die Lasagne waren so üppig, dass wir das Rezept zwei Mal kochen konnten. Dieser Haushalt hat keine Auflaufform, in die alles auf einmal gepasst hätte. Ich würde also schätzen, dass die „Pärchentüte“ eher für drei bis vier Leute reicht, oder eben für zweieinhalb Menschen, die sich nicht davor scheuen, am nächsten Tag nochmal das Gleiche zu essen.

Die Schlemmertüte wirbt mit Regionalität und Saisonalität, allerdings frage ich mich, wie spanische Bergpfirsiche und holländische Zucchinis da rein passen. Zumindest für Letzteres könnte es regionalere Anbieter geben. Auch war mir nicht nachvollziehbar, ob der Hersteller des Leberkäse sein Fleisch tatsächlich aus artgerechter Produktion bezieht. Besonders unangenehm aufgefallen ist mir jedoch die Menge an Müll, die mir mit der Bestellung geliefert wurde. So bin ich zwar mit der Papiertüte einverstanden, aber fast jedes Obst und Gemüse war selbst in einer Plastikschale und/oder Plastikhülle eingepackt. Total unnötig und nicht grade nachhaltig.

Grüßen, Abonnieren und Frisch sein

Für die anderen Anbieter kann ich nicht mit persönlichen Erfahrungen aufwarten, allerdings gibt es hier ein paar Unterschiede zur Schlemmertüte und Kochzauber-Box, die mir dort fehlten. Sowohl KochAbo als auch HelloFresh bieten vegetarische Boxen an, sodass man seinen Fleischkonsum auf das Wochenende beschränken oder komplett aufgeben kann. Eine gute Alternative. KommtEssen bietet, wenn auch bisher nur in Hamburg, außerdem eine Obsttüte an, die gleich mitgeliefert werden kann. Ich frage mich allerdings, ob und wie klimafreundlich diese im Winter umgesetzt werden kann. Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf das Wochenend-Angebot von HelloFresh. Hier wählt man ein oder zwei Gerichte aus, die dann freitags ins Büro geliefert werden – eine etwas umweltfreundlichere Methode, wenn tatsächlich viele Leute im Gebäude / in der Firma mitmachen.

Letzte Worte

Regelmäßige Kund_innen werden wir wohl bei keinem der Anbieter werden. Dafür sind die Preise zu hoch und die Nachhaltigkeit/Regionalität etc zu undurchsichtig. Ich finde es auch schade, dass hier hauptsächlich für „heile Familien“ geworben wird – auch wenn sich eine Singletüte nicht umsetzen ließe, gibt es doch genügend andere Formen vom Zusammenleben, die von einem solchen Angebot profitieren könnten. Wie wäre es zum Beispiel mit einer WG-Tüte? Oder einer Familientüte, bei der die Familie nicht nur aus weißen heterosexuellen Menschen besteht? Da wir ja immer abwechselnd in einer Woche vier hungrige Mäuler und in der anderen nur zwei hungrige Mäuler sind, wäre es auch schön, wenn ich die Größe der Tüten wöchentlich ändern könnte. Bisher habe ich jedoch nur die Option gefunden, die Tüte alle zwei Wochen anstatt wöchentlich zu bestellen. Immerhin ein Anfang. Ich bin gespannt, wie sich der Markt hier noch entwickelt und hoffe sehr, dass die Unternehmen sich besonders bei der Werbung noch mal zusammen setzen und die verdammten Vorurteile in ihren Köpfen überdenken.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. August 2012 von in Ausprobiertes und getaggt mit , , .

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